Es gibt noch einen Neffen in den Niederlanden, aber abgesehen von ihm bin ich der einzige verlässliche Kontakt für Frau M. Bis vor zwei Jahren war noch alles okay. Da lebte ihr Lebensgefährte, der alles erledigte, was die blinde Frau nicht schaffen konnte.

Sie waren ein gutes Team. Nun ist er tot. Zu allem Übel zogen auch noch die Nachbarn aus, die sonst gelegentlich halfen. Sie ist allein. Zwei Telefongespräche in der Woche mit dem Nefffen wärmen das Herz. Und die beiden Katzen. "Wenn ich die nicht hätte..." sagt sie und schluckt. Was ich für die tun kann, hat enge Grenzen. Ich habe ihr nicht einmal meine Telefonnummer gegeben, weil ich weiß, dass meine Zeit für ihren Erzählbereich nicht reicht. Obwohl es interessant und auch oft lustig ist, sich mit ihr zu unterhalten. Die Beklommenheit unserer ersten Begegnungen ist verflogen. Ich mag ihre raue Art, mit der sie ihre verletzbare Seele schützt. Sie schätzt meine Zuverlässigkeit in dem Rahmen meines freiwilligen Angebots. Vieles kann sie allein: Sie kocht gern und hat in diversen Gefrierschränken eine perfekte Ordnung, so dass sie auch meinen Urlaub ohne Einkaufen überstehen kann. "Wenn man nicht sieht, muss man seine Gedanken zusammen halten" sagt sie und tut es auch. Sie putzt, so gut es geht. Manchen Schmutz fühlt man nicht. Den sehe ich nur, aber ich greife nicht zu. Sie würde das nicht wollen und ich auch nicht.

Ich habe für Frau M. jede Woche 2 Stunden Zeit. Die nutzen wir anders. Ich komme pünktlich. Wir schauen die Post durch. Das meiste ist Werbung, aber manchmal ist eben doch was Wichtiges dabei.

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Sie hat die gefüllten Mülltüten schon bereitgestellt und einen Einkaufszettel im Kopf. Ich bringe den Müll herunter. Im Treppenhaus kann sie allein gehen.

Draußen sind die Gehwegplatten so verkantet, dass sie sich unsicher fühlt. Sie geht in der Woche niemals allein vor die Tür. Eingehakt marschieren wir los, ich habe inzwischen gelernt, sie rechtzeitig auf Hindernisse aufmerksam zu machen. Auf dem Weg ist Zeit, sich etwas zu erzählen. Neue Nachrichten und Ereignisse aus ihrem Leben, Trauriges und Witziges mischen sich, wie´s kommt. Langweilig ist es nie. Wir erledigen Bankgeschäfte, ab und zu einen Behördengang, vor allem aber kaufen wir ein. Sie will selbst "gucken", was es gibt. Sie fragt, ich beschreibe, sie tastet. Sie spricht mit dem Schlachter und ich passe auf, dass sie ein reelles Stück Fleisch bekommt. Sie bezahlt, ich packe ein. Wir marschieren wieder nach Hause, rechts Frau M., links der schwere Einkaufswagen. "Der quietscht ja schon wieder so, ich muss den mal ölen", sagt Frau M. Meine letzte Tat ist, alles Eingekaufte auf den Tisch zu packen. Wegpacken muss sie selber, denn sonst könnte sie ja nichts wiederfinden. Sie bedankt sich und ich verabschiede mich: "Bis nächste Woche Donnerstag!"

D. P.

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